Neue Analyse zum Voynich-Manuskript: Unlesbares Buch vielleicht falsch gebunden

Geschrieben am 07.10.2026
von Andreas Müller

Msida (Malta) – Das mittelalterliche Voynich-Manuskript gilt aufgrund seiner bis heute nicht identifizierten Schrift und seiner rätselhaften Bilddarstellungen als eines der berühmtesten „unlesbaren Bücher“ der Welt. Seit Jahrhunderten versuchen sich sowohl Wissenschaftler als auch Hobbyforscher an der Entschlüsselung seiner Inhalte – bislang ohne einen allgemein anerkannten Erfolg. Eine neue Analyse nimmt nun nicht den Inhalt, sondern die Zusammenstellung und Bindung des Manuskripts in den Blick. Demnach könnte die Handschrift bereits im 15. Jahrhundert falsch zusammengesetzt worden sein. Die dadurch veränderte Reihenfolge der Seiten könnte bislang auch das Verständnis des Textes erschwert haben.

Blick ins Voynich-Manuskript.Copyright/Quelle: Gemeinfrei / Beinecke Rare Book & Manuscript Library, Yale University
Blick ins Voynich-Manuskript.
Copyright/Quelle: Gemeinfrei / Beinecke Rare Book & Manuscript Library, Yale University

Wie Colin Layfield von der University of Malta und Lisa Fagin Davis von der Medieval Academy of America aktuell im Fachjournal „Digital Medievalist“ (DOI: 10.4000/16k0a) darlegen, könnte das Voynich-Manuskript schon bei seiner ersten Bindung vor rund 600 Jahren in der falschen Reihenfolge gebunden worden sein. In ihrer Untersuchung kommen die Autorin und der Autor zu dem Schluss, dass die mittelalterliche Handschrift ursprünglich möglicherweise gar nicht als klassisches Buch, sondern in einzelnen Doppelseiten gedacht war, die entsprechend und teilweise in einer anderen Reihenfolge gelesen werden sollten.

Ein unlesbares Buch, das vielleicht keines sein sollte

In ihrer Analyse knüpfen Layfield und Davis an frühere linguistische und computergestützte Analysen an. Im Mittelpunkt steht nun jedoch nicht die Bedeutung der unbekannten Schrift oder der Abbildungen, sondern die Frage, wie die einzelnen Seiten des Buches ursprünglich angeordnet waren.

Die heutige Struktur des Manuskripts entspricht auf den ersten Blick einem typischen mittelalterlichen Manuskript. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch zahlreiche Unregelmäßigkeiten. So wurden mittelalterliche Pergamenthandschriften üblicherweise aus gefalteten Doppelblättern aufgebaut. Mehrere solcher sog. Bifolia wurden ineinandergelegt und bildeten gemeinsam eine Lage, bevor die einzelnen Lagen wiederum miteinander ver- und eingebunden wurden.

Beim Voynich-Manuskript sei aber genau diese Struktur ungewöhnlich uneinheitlich, so Layfield und Davis. Die heute erhaltenen 18 Lagen bestehen aus unterschiedlich vielen Doppelblättern – von einem bis zu fünf, teilweise ursprünglich sogar sieben. „Eine solche Zusammensetzung ist für ein mittelalterliches Manuskript ungewöhnlich.“

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Hinzu kommen auffällige Illustrationen, die über den inneren Falz hinweg auf die jeweils zugehörige andere Hälfte eines Doppelblatts reichen. So setzen sich beispielsweise grafische Elemente auf den Seiten 78v und 81r über den Falz hinweg fort. Weitere Farbflecken und Bildelemente finden sich auf mehreren miteinander verbundenen Doppelseiten. Nach Ansicht der Autorin und des Autors deutet dies darauf hin, dass die einzelnen Doppelblätter bereits vor dem Zusammenlegen zu den heutigen Lagen beschrieben und illustriert wurden.

Auch Schreiber stützen Hypothese

Ein weiteres Indiz liefert die Untersuchung der verschiedenen Schreiber. Im Voynich-Manuskript lassen sich demnach mehrere Schreiber unterscheiden. Besonders im sogenannten Kräuterteil wurden bereits unterschiedliche Schreibweisen und sprachliche Muster festgestellt.

Wenn die Schreiber auf die heutige Buchstruktur übertragen werden, zeigt sich laut der Untersuchung ein auffälliges Muster: Mit nur zwei Ausnahmen wurden jeweils alle vier Seiten eines Doppelblatts von demselben Schreiber beschrieben. Innerhalb der heutigen Lagen wechseln dagegen die Schreiber von Doppelblatt zu Doppelblatt. Dies wäre schwer zu erklären, wenn die Lagen bereits vor dem Schreiben zusammengestellt worden wären. Stattdessen passe dieses Muster jedoch zu der Annahme, dass die einzelnen Doppelblätter zunächst unabhängig voneinander vollständig beschrieben und gestaltet wurden. Layfield und Davis vermuten deshalb, dass die heutige Bindung bereits im 15. Jahrhundert eine Fehlbindung gewesen sein könnte.

Weitere Hinweise dank KI-Analyse

Für ihre Untersuchung nutzten die Forschenden die sogenannte Latent Semantic Analysis (LSA), mit der sich statistische Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Textabschnitten erfassen lassen. Zunächst wurde dieses Verfahren anhand bekannter mittelalterlicher Texte überprüft. Dort zeigte sich erwartungsgemäß, dass Seiten, die tatsächlich aufeinanderfolgen, ähnliche statistische Eigenschaften besitzen.

Beim Voynich-Manuskript ergab sich dagegen ein anderes Muster: Die miteinander verbundenen Seiten eines Doppelblatts zeigten ähnliche Werte, während die heute gegenüberliegenden Seiten deutlich weniger miteinander übereinstimmten. Nach Interpretation der beiden Autoren spricht dies dafür, dass jeweils die vier Seiten eines Doppelblatts als zusammenhängende Einheit gelesen werden sollten.

Die „Singulions“ des Voynich-Manuskripts

Damit ergibt sich eine ungewöhnliche Hypothese: Das Voynich-Manuskript könnte ursprünglich aus einzelnen Doppelblättern bestanden haben, die jeweils eine eigenständige Vier-Seiten-Einheit bildeten. Eine solche aus nur einem Doppelblatt (Bifolium) bestehende Lage wird als „Singulion“ bezeichnet.

Ein sog. Bifolium (A) bildet 4 Seiten ab. Diese können entweder wie Grußkarten übereinander gelegt/gestapelt (B) oder Bogenweise wie in einem Buch gebunden (c) werden. Allerdings ergibt sich durch die unterschiedliche Platzierung auch eine jeweils unterschiedliche Seitenreihenfolge (siehe farbliche Kodierung).Copyright: grewi.de
Ein sog. Bifolium (A) bildet 4 Seiten ab. Diese können entweder wie Grußkarten übereinander gelegt/gestapelt (B) oder Bogenweise wie in einem Buch gebunden (c) werden. Allerdings ergibt sich durch die unterschiedliche Platzierung auch eine jeweils unterschiedliche Seitenreihenfolge (siehe farbliche Kodierung).
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Das Voynich-Manuskript wäre demnach nicht als klassisches Buch aus ineinandergelegten Lagen, sondern als eine Folge einzelner Singulions – vergleichbar mit einem Stapel von Glückwunschkarten – konzipiert gewesen.

In ihrer Analyse gehen die Forschenden noch einen Schritt weiter und versuchten, mithilfe ihrer statistischen Methode eine mögliche ursprüngliche Reihenfolge dieser Doppelblätter zu rekonstruieren.

Neue Ordnung der Seiten

Für bestimmte Bereiche konnten dabei Anordnungen gefunden werden, die eine höhere Textähnlichkeit zwischen aufeinanderfolgenden Seiten ergeben. Teilweise werden diese Vorschläge durch grafische und physische Hinweise unterstützt.

Eine definitive Rekonstruktion sei jedoch nicht möglich, solange der Text selbst nicht verstanden ist. Auch alternative Erklärungen für die statistischen Ergebnisse wollen Davis und Layfield nicht vollständig ausschließen.

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Dennoch sehen sie starke Hinweise auf eine ursprüngliche Singulion-Struktur. Sollte die Hypothese zutreffen, könnte sie eine zusätzliche Erklärung für das bis heute ungelöste Rätsel des Voynich-Manuskripts liefern: Die Handschrift wäre dann nicht nur in einer unbekannten Schrift verfasst – ihre Seiten könnten bereits seit dem 15. Jahrhundert in der falschen Reihenfolge gelesen werden.

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Recherchequelle: Digital Medievalist

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