Kairo (Ägypten) – Spätestens seit 2015 mehren sich Hinweise und Belege für die Theorie, wonach sich hinter den mit kostbaren Malereien verzierten Wänden des legendären Grabes des Tutanchamun weitere Gänge und Kammern befinden. Einige Archäologen vermuten zudem, dass es sich um das bislang unentdeckte Grab der Nofretete handeln könnte. Nun scheinen neue Messungen die Existenz der Hohlräume zu bestätigen.

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Wie die an den Arbeiten im Grab des „Kindkönigs“ beteiligten Wissenschaftler Mamdouh Eldamaty von der Ain Shams University, Abbas Mohamed Abbas, George Ballard und Nicholas Reeves aktuell in ihren „Occasional Paper 8“ zum Stand des „Amarna Royal Tombs Project“ online berichten, deuten die neuen Messungen daraufhin, dass es einen deutlich größeren, bislang verborgenen Komplex hinter und neben dem bekannten Grab des Tutanchamun mit der Kennung „KV62“ existiert.
Radar entdeckt möglichen Gang
Für die aktuelle Untersuchung kombinierten die Archäologen nun mehrere geophysikalische Verfahren. Zum Einsatz kam unter anderem erstmals eine non-invasive Mikrogravimetrie-Untersuchung des Geländes. Dabei werden kleinste Veränderungen des Erdschwerefeldes gemessen, aus denen sich Rückschlüsse auf Unterschiede in der Dichte des Untergrunds ziehen lassen.
Zusätzlich untersuchte das Team die Wände der Grabkammer mit Bodenradar (Ground-Penetrating Radar, GPR). Die Ergebnisse wurden anschließend mit früheren geophysikalischen Messungen sowie mit Erkenntnissen zur Struktur des Grabes und den Wandmalereien verglichen.
Wie der Geophysiker und Bauingenieur Ballard gegenüber Nature.com erläuterte, wertete die neuen und früheren Daten aus. Seiner Interpretation zufolge zeigen die Radarmessungen einen etwa zwei Meter breiten, mit Geröll gefüllten Gang, der von der Grabkammer wegführt. Frühere Untersuchungen könnten diese Struktur übersehen haben, weil sie vor allem nach einem größeren Hohlraum unmittelbar hinter der Wand gesucht hätten.
Auch die Mikrogravimetrie liefert auffällige Signale. Mehr als 1.200 Messungen auf einer Fläche von rund 35 Quadratmetern weisen nach Angaben des Teams auf Strukturen mit rechtwinkligen Formen und vergleichsweise geringer Dichte hin. Ihre Ausrichtung verlaufe auffällig parallel zur Nordwand von KV62.
Anomalie 7
Eine besonders interessante Struktur bezeichnet das Team als „Anomalie 7“. Dabei handelt es sich um einen Bereich geringer Dichte, in dem sich eine annähernd quadratische Struktur höherer Dichte befindet. Möglich sei, dass es sich um eine Kammer handelt, in der sich Gegenstände befinden. Zugleich betont der Forscher, dass die Messungen bereits an die Grenzen der Nachweisbarkeit reichen.
Nofretete als mögliche Erklärung
Die neuen Ergebnisse stehen im Zusammenhang mit einer seit 2015 diskutierten Hypothese des britischen Ägyptologen Nicholas Reeves. Er vermutete damals, dass Tutanchamuns Grab ursprünglich wesentlich größer angelegt worden sein könnte und möglicherweise Bereiche enthält, die heute verschlossen sind.
Reeves verwies unter anderem auf Linien und Risse in der Nordwand der Grabkammer sowie auf Veränderungen an den Wandmalereien. Seiner Interpretation zufolge könnte es sich bei der Wand teilweise um eine nachträglich errichtete Barriere handeln, hinter der sich weitere Räume befinden (…GreWi berichtete, siehe Links am Ende des Artikels).
Eine mögliche Erklärung wäre demnach, dass KV62 ursprünglich für eine andere königliche Bestattung vorgesehen war. Nach dem unerwarteten Tod des jungen Tutanchamun könnte die Anlage kurzfristig angepasst und ein tiefer liegender Bereich verschlossen worden sein.
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Reeves selbst brachte die vermuteten Räume mit der bislang nicht gefundenen Grabstätte Nofretetes in Verbindung. Die ägyptische Königin gilt als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Amarna-Zeit; viele Ägyptologen gehen davon aus, dass sie zumindest zeitweise eine herausragende politische Stellung bis hin zur Herrschaft als Pharao innehatte.
Andere Forscher bleiben vorsichtig
Die bisherigen Untersuchungen zu möglichen verborgenen Kammern lieferten allerdings widersprüchliche Ergebnisse. Frühere Messungen hatten teilweise Anomalien festgestellt, andere Untersuchungen fanden dagegen keine entsprechenden Strukturen.
Auch die aktuellen Daten werden deshalb von unabhängigen Geophysikern mit Vorsicht bewertet. Christopher Gaffney von der University of Bradford bezeichnete die Untersuchung zwar als faszinierend, sieht darin aber noch keine ausreichende Grundlage für definitive Schlussfolgerungen. Peter Styles von der Keele University hält die Existenz von Kammern aufgrund der Mikrogravitationsdaten für plausibel, fordert jedoch ebenfalls weitere Informationen.
Zudem führen die bislang identifizierten Strukturen offenbar nicht zu einem bekannten Zugang. Sollten tatsächlich Kammern existieren, könnten sie demnach seit der Antike nicht mehr betreten worden sein.
Ob sich hinter den Anomalien tatsächlich künstlich angelegte Räume verbergen – und ob diese möglicherweise mit Nofretete in Verbindung stehen –, kann letztlich nur eine direkte Untersuchung klären. Noch steht daher nicht die Entdeckung von Nofretetes Grab im Raum, sondern zunächst die Frage, ob hinter Tutanchamuns Grab überhaupt weitere Räume existieren.
Sollten die ägyptischen Behörden einer weiteren Untersuchung zustimmen, könnten bereits im November vorsichtige Bohrungen vorgenommen werden. Über winzige Öffnungen sollen dabei kleine, mit Kameras ausgestattete Roboter in die vermuteten Bereiche gelangen. Die Entscheidung darüber liegt beim ägyptischen Supreme Council of Antiquities.
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Recherchequellen: Nature, Academia.edu
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