Sydney (Australien) – Ob in Wolken, auf dem Frühstückstoast oder in Felsformationen: Menschen erkennen ständig bekannte Objekte und Gesichter in Dingen, die objektiv keine sind. Dieses Phänomen ist als „Pareidolie“ bekannt – Letzteres als „Gesichtspareidolie“. Eine aktuelle Studie geht der Frage nach, warum unser Gehirn so stark darauf programmiert ist, selbst in reinem Zufallsrauschen menschliche Gesichter zu erkennen.

Copyright/Quelle: Weather Underground / University of New South Wales
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Der Auslöser für das öffentliche Interesse ist oft trivial: So erinnerte etwa jüngst ein Satellitenbild eines Hurrikans viele Betrachter an ein menschliches Gesicht oder gar einen Totenschädel (s. Titelabbildung). Solche Wahrnehmungen sind keineswegs selten – im Gegenteil: Sie sind ein grundlegender Bestandteil menschlicher Wahrnehmung.
Experimente mit Handtaschen und visuellem Rauschen
Für ihre Untersuchung führte das Forschungsteam um Psychologin Dr. Lindsay Peterson von der University of New South Wales zwei Experimente mit rund 70 Teilnehmern durch. Die Probanden wurden gebeten, in Bildern Gesichter zu erkennen und diesen Eigenschaften wie Alter, Geschlecht oder Emotion zuzuordnen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Royal Society Open Science“ (DOI: 10.1098/rsos.250570) veröffentlicht.
In einem Versuch betrachteten die Teilnehmer unter anderem das Bild einer Handtasche. In deren Reißverschlüssen, Falten und Schnallen erkannten viele übereinstimmend ein junges, lächelndes Gesicht. Parallel dazu wurde den Teilnehmern sogenanntes „visuelles Rauschen“ gezeigt – also Bilder ohne erkennbare Struktur.

Quelle: Dr. Peterson, University of New South Wales
Gerade hier zeigten sich besonders interessante Effekte: Obwohl die Bilder keinerlei reale Gesichtsmerkmale enthielten, berichteten Teilnehmer von erstaunlich detaillierten Wahrnehmungen. Sie sahen Figuren wie Buddha, Engel, Dämonen oder Drachen. Die Interpretationen gingen weit auseinander, waren aber oft erstaunlich konkret.
Symmetrie verstärkt die Gesichtswahrnehmung
In einem zweiten Experiment führten die Forscher ein entscheidendes Element ein: vertikale Symmetrie. Diese entspricht grob der Struktur eines menschlichen Gesichts – zwei Augen, eine Nase, ein Mund entlang einer Mittelachse.
Schon diese minimale Ordnung führte dazu, dass die Teilnehmer deutlich häufiger Gesichter erkannten. Auffällig war dabei, dass diese Gesichter häufiger als „wütend“ wahrgenommen wurden. Die Ergebnisse legen nahe, dass bereits einfache visuelle Hinweise ausreichen, um das Gehirn in den „Gesichtserkennungsmodus“ zu versetzen.
Auffällige Muster: meist männlich und bedrohlich
Trotz der scheinbar freien Interpretation zeigten sich klare Muster: Viele Teilnehmer beschrieben die wahrgenommenen Gesichter als männlich. Zudem wurde ein signifikanter Anteil der Gesichter als wütend oder bedrohlich interpretiert.
Dieser Befund überrascht die Forscher nicht vollständig. Frühere Studien haben gezeigt, dass eine solche „männliche Voreinstellung“ bereits bei Kindern im Alter von vier Jahren nachweisbar ist (…GreWi berichtete). Das spricht dafür, dass diese Wahrnehmungsstruktur zumindest teilweise biologisch verankert ist.
Die Tendenz, eher bedrohliche Gesichtsausdrücke zu erkennen, könnte ebenfalls evolutionäre Ursachen haben. Aus Sicht der Forscher ist es plausibel, dass das menschliche Gehirn im Zweifel lieber eine potenzielle Gefahr annimmt, als eine harmlose Situation zu übersehen.
Ein Blick in die Funktionsweise des Gehirns
Die Studie liefert wichtige Hinweise darauf, wie das menschliche Gehirn mit mehrdeutigen Informationen umgeht. Offenbar gilt eine einfache Regel: Erst wird ein Gesicht erkannt – danach wird bewertet, ob es tatsächlich eines ist.
Diese Priorisierung deutet darauf hin, dass Gesichtserkennung eine zentrale Fähigkeit in der menschlichen Evolution war. Das schnelle Erkennen von Artgenossen, Emotionen und möglichen Bedrohungen dürfte einen entscheidenden Überlebensvorteil dargestellt haben.
Die Tatsache, dass selbst völlig strukturlose Reize komplexe und wiederkehrende Wahrnehmungen auslösen können, unterstreicht, wie stark unser Gehirn auf Mustererkennung ausgerichtet ist.
Die Wissenschaftler wollen ihre Untersuchungen nun ausweiten. Künftige Studien sollen klären, wie sich unterschiedliche Faktoren – etwa Bewegung oder feinere visuelle Details – auf die Wahrnehmung auswirken. Ziel ist es, besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen das Gehirn besonders anfällig für Pareidolie ist – und welche Mechanismen dabei im Detail ablaufen.
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Recherchequelle: Iniversity of New South Wales
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