Be’er Scheva (Israel) – Jahrzehntelang galt die monumentale Steinkreise-Anlage von Rujm el-Hiri auf den Golanhöhen als einzigartiges archäologisches Rätsel in heutigen Israel. Die Anlage, oft als „Israels Stonehenge“ bezeichnet, schien isoliert in der Landschaft zu stehen. Neue Forschungsergebnisse stellen dieses Bild nun grundlegend infrage: Mithilfe moderner Satellitentechnologie konnten Wissenschaftler zeigen, dass das Monument Teil eines weit größeren Systems ähnlicher Kreisanlagen ist.

Quelle/Copyright: Birkenfeld et al., PLOS One 2026 / Y. Shmidov u. A. Wiegmann.
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Wie das Team unter Leitung von Michael Birkenfeld von der Ben-Gurion University of the Negev aktuell im Fachjournal „PLOS One“ (DOI: 10.1371/journal.pone.0339952) berichtet, konnten sie bislang mindestens 28 weitere große Steinkreise in der Umgebung identifizieren. Die Ergebnisse legen nahe, dass Rujm el-Hiri nicht als singuläres Bauwerk verstanden werden darf, sondern als besonders eindrucksvolles Beispiel einer bislang unterschätzten regionalen Bautradition im protohistorischen Levante-Raum.
Satellitentechnik macht Unsichtbares sichtbar
Ermöglicht wurde diese Neubewertung durch den Einsatz hochauflösender Satellitenbilder und moderner Fernerkundungsmethoden. Diese Technologien erlauben es Archäologen, große und teils unzugängliche Gebiete systematisch zu untersuchen – etwa Regionen mit schwierigem Gelände oder politisch eingeschränktem Zugang.
Die Forschenden analysierten Aufnahmen aus unterschiedlichen Jahreszeiten sowie unter variierenden Licht- und Vegetationsbedingungen. Auf diese Weise konnten sie Strukturen identifizieren, die bislang übersehen worden waren: Feldmauern, Einfriedungen und eben jene Steinkreise, die über Jahrtausende verborgen geblieben waren.

Copyright/Quelle: Birkenfeld et al., PLOS One 2026 / A. Kleiner.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Rujm el-Hiri nicht isoliert existiert, sondern in einen komplexen archäologischen Kontext eingebettet ist. Die neuen Daten eröffnen damit eine völlig neue Perspektive auf die Landschaft der Golanhöhen und ihre Nutzung in vorgeschichtlicher Zeit.
Einheitliche Bauweise und strategische Lage
Die neu entdeckten Anlagen weisen bemerkenswerte Gemeinsamkeiten auf. Es handelt sich durchweg um große, kreisförmige Strukturen mit Durchmessern von oft mehr als 50 Metern. Sie bestehen aus lokal verfügbarem Basaltgestein und verfügen über ringförmige Mauern sowie interne Unterteilungen.
Auffällig ist auch ihre Lage: Viele der Steinkreise befinden sich in der Nähe saisonaler Wasserquellen und sind in alte landwirtschaftlich-pastorale Nutzungssysteme eingebunden. Dies deutet darauf hin, dass die Bauwerke nicht zufällig platziert wurden, sondern Teil einer durchdachten Raumplanung waren.

Quelle: Aerial imagery provided by the survey of Israel (MAPI)- used with permission.
Created by M. Birkenfeld and U. Berger.
Die Forschenden interpretieren die Strukturen als Elemente eines zusammenhängenden kulturellen und wirtschaftlichen Netzwerks. Mögliche Funktionen reichen von rituellen Versammlungsplätzen über territoriale Markierungen bis hin zu saisonalen Treffpunkten für Hirtenpopulationen.
Neue Sicht auf ein altes Rätsel
Die Entdeckung zwingt dazu, die bisherige Interpretation von Rujm el-Hiri grundlegend zu überdenken. Statt eines isolierten Monuments erscheint die Anlage nun als Teil einer weit verbreiteten architektonischen Tradition, die eng mit den Lebens- und Wirtschaftsweisen früher Gesellschaften verknüpft war.
Besonders die Kombination aus archäologischen Daten und landschaftsbezogener Analyse liefert ein differenzierteres Bild der Vergangenheit. Sie zeigt, wie eng monumentale Bauwerke mit Umweltbedingungen, Ressourcennutzung und sozialen Strukturen verbunden waren.

Quelle/Copyright: Birkenfeld et al., PLOS One 2026 / A. Kleiner.
Gleichzeitig unterstreicht die Studie das Potenzial moderner Technologien in der Archäologie. Fernerkundung, geophysikalische Methoden und landschaftsanalytische Ansätze ermöglichen es zunehmend, verborgene Strukturen sichtbar zu machen und bekannte Fundstätten in einen größeren Kontext einzuordnen.
Die Golanhöhen erweisen sich damit einmal mehr als Region mit erheblichem archäologischem Potenzial. Viele ihrer Geheimnisse dürften noch im Verborgenen liegen – und könnten künftig durch den gezielten Einsatz moderner Technologien ans Licht gebracht werden.
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Recherchequelle: Ben-Gurion University of the Negev
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