Ursprünge der Schrift wohl 40.000 Jahre älter als bislang gedacht

Geschrieben am 23.02.2026
von Andreas Müller

Saarbrücken (Deutschland) – Neue Analysen steinzeitlicher Artefakte liefern überraschende Hinweise darauf, dass die Ursprünge visueller Informationskodierung weit tiefer in die Vergangenheit reichen als bislang angenommen. Nicht erst vor 5.000 Jahren in Mesopotamien, sondern bereits vor mehr als 40.000 Jahren nutzten Menschen Zeichensequenzen mit einer Komplexität, die mit früher Proto-Keilschrift vergleichbar ist.

Der sog. „Adorant“, Eine Elfenbeinplatte aus der Geißenklösterle Höhle ist rund 40.000 Jahre alt. Während auf einer Seite eine anthropomorphe Figur sowie mehrere Reihen von Kerben und Punkten eingeschnitzt wurden, zeigt, die andere Reihen von Punkten, deren Anordnung auf ein Notationssystem schließen lässt.Copyright/Quelle: Landesmuseum Württemberg / Hendrik Zwietasch, CC BY 4.0
Der sog. „Adorant“, Eine Elfenbeinplatte aus der Geißenklösterle Höhle ist rund 40.000 Jahre alt. Während auf einer Seite eine anthropomorphe Figur sowie mehrere Reihen von Kerben und Punkten eingeschnitzt wurden, zeigt, die andere Reihen von Punkten, deren Anordnung auf ein Notationssystem schließen lässt.
Copyright/Quelle: Landesmuseum Württemberg / Hendrik Zwietasch, CC BY 4.0

Rätselhafte Zeichen aus der Altsteinzeit

Wie das Team um den Sprachwissenschaftler Christian Bentz von der Universität des Saarlandes und die Archäologin Ewa Dutkiewicz vom Museum für Vor- und Frühgeschichte aktuell im Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (DOI: 10.1073/pnas.2520385123)

berichten, haben sie geometrische Markierungen auf paläolithischen Fundstücken – darunter Linien, Kerben, Punkte und Kreuze – analysiert. Die mehr als 3.000 Zeichen auf rund 260 Objekten aus Europa sind zwischen etwa 34.000 und 45.000 Jahre alt.

Besonders auffällig unter den zahlreichen untersuchten Artefakten ist der sogenannte „Adorant“ aus der Geißenklösterle-Höhle auf der Schwäbischen Alb: eine kleine Elfenbeinplatte mit einer anthropomorphen Figur und systematisch angeordneten Punktreihen. Die Struktur dieser Markierungen deutet nach Ansicht der Forschenden auf ein bewusst eingesetztes Notationssystem hin.

Viele der untersuchten Artefakte stammen aus bedeutenden Fundregionen der Schwäbischen Alb, darunter die Vogelherdhöhle im Lonetal oder das Geißenklösterle im Achtal. Auf einem geschnitzten Mammut aus Mammutstoßzahn finden sich beispielsweise sorgfältig eingeritzte Kreuz- und Punktreihen. Auch der berühmte „Löwenmensch“ aus dem Hohlenstein-Stadel trägt regelmäßige Kerben am Arm. Nach Einschätzung des Teams wurden diese Zeichen nicht zufällig angebracht, sondern gezielt auf bestimmten Objekten platziert.

Die rund 40.000 Jahre alte Mammutfigurine aus der Vogelherdhöhle trägt auf ihrer Oberfläche mehrere Reihen von Kreuzen und Punkten.Bildnachweis: Universität Tübingen / Hildegard Jensen, CC-BY-SA 4.0
Die rund 40.000 Jahre alte Mammutfigurine aus der Vogelherdhöhle trägt auf ihrer Oberfläche mehrere Reihen von Kreuzen und Punkten.
Bildnachweis: Universität Tübingen / Hildegard Jensen, CC-BY-SA 4.0

Die Forschenden sehen darin Hinweise auf eine frühe Form visueller Informationsspeicherung. Bentz spricht von einem „statistischen Fingerabdruck“ der Zeichensysteme. Demnach könnten die Sequenzen eine frühe Alternative zur Schrift darstellen – ohne, dass diese jedoch gesprochene Sprache direkt abbilden sollte.

Überraschende Nähe zur Proto-Keilschrift

Für ihre Studie nutzten die Wissenschaftler computergestützte Verfahren der quantitativen Linguistik und des maschinellen Lernens. Ziel war nicht, die Bedeutung einzelner Zeichen zu entschlüsseln, sondern ihre messbaren Eigenschaften und Muster zu untersuchen.

Ein zentrales Ergebnis dieser Arbeit: Die paläolithischen Zeichenfolgen unterscheiden sich deutlich von moderner Schrift, die gesprochene Sprache kodiert und eine hohe strukturelle Vielfalt aufweist. Die Steinzeitsequenzen sind hingegen stark repetitiv – bestimmte Zeichen wiederholen sich häufig in ähnlichen Mustern.

Gerade diese Eigenschaft führt jedoch zu einer bemerkenswerten Parallele: Laut Bentz weisen die altsteinzeitlichen Zeichensysteme eine statistisch vergleichbare Informationsdichte wie die früheste Proto-Keilschrift Mesopotamiens auf, die erst um 3000 v. Chr. entstand – also rund 40.000 Jahre später.

Proto-Keilschrifttafel der Uruk-IV-Periode (VAT 14774), etwa 3.350–3.200 Jahre alt. Diese sogenannte numero-ideografische Tafel zeigt auf der linken Seite Zahlzeichen und auf der rechten Seite vielfältigere Ideogramme. Zusätzlich ist die Tafel durch eine horizontale Linie unterteilt.Copyright/Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Tesmer, CC-BY-SA 4.0
Proto-Keilschrifttafel der Uruk-IV-Periode (VAT 14774), etwa 3.350–3.200 v. Chr. Diese sogenannte numero-ideografische Tafel zeigt auf der linken Seite Zahlzeichen und auf der rechten Seite vielfältigere Ideogramme. Zusätzlich ist die Tafel durch eine horizontale Linie unterteilt.
Copyright/Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Tesmer, CC-BY-SA 4.0

Auch Dutkiewicz zeigte sich überrascht von dieser strukturellen Nähe. Ursprünglich habe man erwartet, dass die Proto-Keilschrift deutlich näher an moderne Schriftsysteme heranreiche. Stattdessen offenbare die Analyse eine lange Phase relativer Kontinuität in der visuellen Kodierung von Informationen.

Computeranalyse liefert neue Einblicke

Um die Muster sichtbar zu machen, digitalisierte das Team die Zeichenfolgen in einer umfangreichen Datenbank. Mithilfe statistischer Modelle untersuchten die Forschenden unter anderem die sogenannte Entropie – ein Maß für die Informationsdichte.

Wie sich zeigte, erreichen die paläolithischen Zeichen-Sequenzen aufgrund hoher Wiederholungsraten und einer gewissen Vorhersagbarkeit der Entropiewerte, also das statistische Maß für die Informationsdichte und Vorhersagbarkeit von Zeichenfolgen, wie sie mit denen früher Keilschrift vergleichbar sind. Besonders hoch ist die Informationsdichte dabei auf Figurinen, während Werkzeuge geringere Werte zeigen.

Auf diese Weise deutet die Studie darauf hin, dass die Fähigkeit des Menschen zur symbolischen Informationskodierung sehr viel früher ausgereift war als bislang angenommen. Schrift im modernen Sinne sei lediglich eine spezielle Ausprägung innerhalb einer langen Entwicklungslinie visueller Zeichensysteme.

Bedeutung bleibt vorerst im Dunkeln

Was genau die Menschen der Altsteinzeit mit ihren Zeichen festhalten wollten, bleibt weiterhin ungeklärt. Die neuen statistischen Erkenntnisse könnten jedoch helfen, zukünftige Interpretationen einzugrenzen.

Die Forschenden betonen, dass Homo sapiens zu jener Zeit bereits anatomisch und vermutlich auch kognitiv auf einem ähnlichen Niveau wie heutige Menschen war. Das Festhalten und Weitergeben von Informationen dürfte für das Überleben von Gruppen eine wichtige Rolle gespielt haben – etwa bei der Organisation von Jagd oder sozialer Koordination.

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Auffällig ist zudem die Handlichkeit vieler Objekte: Zahlreiche Artefakte liegen gut in der Hand und scheinen bewusst tragbar gestaltet worden zu sein – ein Merkmal, das auch frühe Keilschrifttafeln aufweisen.

Die Studie entstand im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat geförderten Projekts EVINE („Evolution visueller Informationskodierung“). Bentz und Dutkiewicz wollen ihre Datenbank weiter ausbauen. Nach eigener Einschätzung haben sie bislang nur einen kleinen Teil der vorhandenen paläolithischen Zeichensequenzen erfasst – und damit möglicherweise erst begonnen, den Informationscode der Steinzeit zu entschlüsseln.

Videodokumentationsreihe der Steinzeit-Zeichen-Jagd

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Quelle: Universität des Saarlandes

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