Barcelona (Spanien) – Eine neue Studie wirft ein detailliertes Licht auf die Bedeutung von Tanzdarstellungen in der Felskunst der San im südlichen Afrika. Die Untersuchung zeigt, dass die oft schematisch wirkenden Figuren keineswegs beliebige Szenen darstellen, sondern gezielt rituelle, soziale und kulturelle Praktiken abbilden – von Trance-Tänzen über Initiationsriten bis hin zu nicht-ritueller Unterhaltung. Damit eröffnet sich ein neuer Zugang zum Weltbild und Alltagsleben einer der ältesten noch bekannten Kulturen der Menschheit.

Copyright/Quellen: Vinnicomb 2001, in Kumbani and Diaz-Andreu 2025
Inhalt
Wie Dr. Margarita Díaz-Andreu vom spanischen Institut Català d’Arqueologia Clàssica und Dr. Joshua Kumbani von der Universität Tübingen aktuell im Fachjournal „Telestes“ (DOI: 10.19272/202514701002) berichten, basiert ihre Untersuchung auf einer systematischen Auswertung südafrikanischer Felskunst mithilfe ethnografischer Quellen, bestehender Forschungsliteratur sowie der umfangreichen Datenbank „SARADA“ (South African Rock Art Digital Archive).
Tanz als Schlüssel zur San-Kultur
Die San, traditionell als Jäger und Sammler lebend, hinterließen im südlichen Afrika ein außergewöhnlich reiches Erbe an Felsmalereien. Diese gehören zu den wichtigsten Quellen, um ihre sozialen Strukturen, religiösen Vorstellungen und kulturellen Praktiken zu rekonstruieren. Besonders auffällig ist dabei die Häufigkeit von Tanzdarstellungen.
www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ HIER den täglichen kostenlosen GreWi-Newsletter bestellen +
Wie Dr. Kumbani erläutert, waren Tanzszenen zwar bereits in früheren Studien beschrieben worden, jedoch nie systematisch aus musikarchäologischer oder ikonografischer Perspektive. Ziel der neuen Untersuchung war es daher, die verschiedenen dargestellten Tanzformen klar zu identifizieren, methodisch zu erfassen und mit ethnografisch überlieferten Ritualen der San zu vergleichen. Eine zentrale Frage war dabei, ob alle dargestellten Tänze ritueller Natur waren – oder ob einige schlicht der Unterhaltung dienten.
Trance-Tänze, Initiationsriten und symbolische Details
Die Analyse zeigt, dass Trancetänze die mit Abstand häufigste dargestellte Tanzform sind. Insgesamt konnten 17 entsprechende Szenen identifiziert werden, besonders häufig in der Region KwaZulu-Natal. Diese Tänze gelten als zentrale spirituelle Rituale der San und können mehrere Stunden dauern. Typischerweise tanzen Männer im Kreis, während Frauen singend und klatschend begleiten.
In der Felskunst lassen sich zahlreiche charakteristische Merkmale dieser Rituale erkennen: Tänzer mit Tanzstöcken, gebeugte Körperhaltungen, Nasenbluten als Zeichen des tranceartigen Zustands sowie partielle Mensch-Tier-Verwandlungen, sogenannte Therianthropen. Diese Details gelten in der Forschung als Hinweise auf veränderte Bewusstseinszustände und spirituelle Reisen der Tänzer.
Neben Trancetänzen sind auch sogenannte Eland-Tänze vergleichsweise häufig dargestellt. Diese stehen in engem Zusammenhang mit Initiationsriten für Mädchen. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel findet sich am Fundort Namahali im Free State. Dort scheint eine dynamische Szene zwei unterschiedliche Gruppen zu zeigen: Frauen, die sich nach vorne beugen – möglicherweise Teil eines Initiations- oder Fruchtbarkeitsrituals – sowie eine zweite Gruppe mit Grabstöcken. Solche Geräte werden ethnografisch sowohl mit Regenmacherritualen als auch mit dem Sammeln von Nahrung in Verbindung gebracht.

Copyright/Quellen: Vinnicomb 2001, in Kumbani and Diaz-Andreu 2025
Auffällig ist hingegen die Seltenheit von Darstellungen männlicher Initiationsriten. Laut Dr. Kumbani könnte dies darauf hindeuten, dass solche Zeremonien bewusst geheim gehalten und daher nicht bildlich festgehalten wurden.
Felskunst als kulturelles Gedächtnis
Die Studie unterstreicht die zentrale Rolle der Felskunst als visuelles Archiv einer ansonsten nur fragmentarisch überlieferten Kultur. Viele der dargestellten Tänze – etwa Heilungsrituale, Übergangsriten oder gemeinschaftliche Feste – sind ethnografisch nicht oder nur unvollständig dokumentiert. Die Malereien schließen diese Lücken zumindest teilweise.
Durch die systematische Kategorisierung der Tanzszenen lassen sich nun differenziertere Aussagen über Funktion und Bedeutung einzelner Darstellungen treffen. Dies erlaubt nicht nur neue Interpretationen bekannter Fundstellen, sondern auch eine bessere Vergleichbarkeit mit Felskunst in anderen Regionen des südlichen Afrikas.
Die Forschenden hoffen daher, ihre Methodik künftig auch auf Länder wie Namibia auszuweiten, wo ebenfalls umfangreiche San-Felskunst existiert. Langfristig könnte so ein umfassenderes Bild der kulturellen Vielfalt und spirituellen Praxis der San entstehen.
Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass die Felskunst nicht bloß symbolische Andeutungen liefert, sondern konkrete Einblicke in Rituale, soziale Rollen und kulturelle Identität einer frühen menschlichen Gesellschaft ermöglicht – eingefroren im Gestein über Jahrtausende hinweg.
WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
67.800 Jahre: Älteste bekannte Höhlenkunst der Welt entdeckt 26. Januar 2026
Halluzinogene Pflanzen inspirierten frühe Höhlenkunst 26. November 2020
Quelle: Telestes
© grenzwissenschaft-aktuell.de

