Neue Elfenbein-Funde in der Steinzeithöhle Hohle Fels

Geschrieben am 29.07.2026
von Andreas Müller

Blaubeuren (Deutschland) – In der UNESCO-Welterbehöhle Hohle Fels auf der Schwäbischen Alb haben Archäologen schon einige sensationelle Funde aus der Altsteinzeit gemacht. Jetzt kamen zwei kleine geschnitzten Vogelfiguren aus Mammutelfenbein hinzu.

Die zwei rund 40.000 Jahre alten Vogelfiguren aus der eiszeitlichen Welterbehöhle Hohle Fels.
Copyright/Quelle: Ralf Ehmann / Universität Tübingen

Wie die Forschenden um Professor Nicholas Conard von der Universität Tübingen aktuell auch der Publikation „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2025“ berichten, stammen die beiden kaum daumennagelgroßen Figürchen aus rund 40.000 Jahre alten Schichten des Aurignaciens und wurden nun als „Fund des Jahres“ vorgestellt. Die Funde liefern demnach neue Hinweise auf die früheste figürliche Kunst der Menschheit und deuten darauf hin, dass einzelne Fundorte eigene künstlerische Traditionen entwickelt haben.

Filigrane Eiszeitkunst im Miniaturformat

Die beiden Figuren wurden in den unteren Schichten des Hohle Fels geborgen, die bereits zahlreiche bedeutende Kunstwerke der Altsteinzeit hervorgebracht haben – darunter auch die sog. „Venus vom Hohle Fels“ sowie einige der ältesten bekannten Musikinstrumente der Menschheit. Eine der Figuren zeigt einen ruhenden, möglicherweise brütenden Vogel und ist nahezu vollständig erhalten. Die zweite stellt einen Vogel mit weit ausgebreiteten Flügeln dar, dessen linker Flügel allerdings abgebrochen ist und aufgrund fehlender Fragmente nicht weiter rekonstruiert werden kann.

Ob beide Figuren von derselben Person geschaffen wurden oder unterschiedlichen Generationen entstammen, lässt sich bislang nicht klären. Zwar stammen sie aus derselben archäologischen Schicht, wurden jedoch etwa anderthalb Meter voneinander entfernt gefunden.

Nach Einschätzung des Forschungsteams zeigen die Funde eindrucksvoll, mit welcher Präzision die eiszeitlichen Schnitzerinnen und Schnitzer bereits Tiere darstellen konnten. Gleichzeitig zeichne sich immer deutlicher ab, dass bestimmte Motive offenbar charakteristisch für einzelne Fundstellen gewesen seien.

Kleinste Eiszeitfigur der Welterberegion

Besonders bemerkenswert ist die geringe Größe der Kunstwerke. Der Vogel mit den ausgebreiteten Flügeln misst lediglich zwei Zentimeter in der Länge, einen Zentimeter in der Breite und einen halben Zentimeter in der Höhe. Damit handelt es sich um das bislang kleinste bekannte Kunstwerk aus der UNESCO-Welterberegion der Schwäbischen Alb. Die meisten anderen eiszeitlichen Figuren aus der Region erreichen Längen zwischen drei und neun Zentimetern.

Der brütende Vogel.
Copyright/Quelle: Ralf Ehmann / Universität Tübingen

Trotz ihrer winzigen Ausmaße beeindrucken beide Figuren durch ihren Detailreichtum. Der ruhende Vogel besitzt auffällig ausgearbeitete runde Augen, während der zweite Vogel durch einen markanten Schnabel sowie feine parallele Ritzungen auf den Flügeln auffällt, die das Federkleid darstellen. Nach Ansicht der Forschenden handelt es sich dabei nicht um schematische Tierdarstellungen, sondern um präzise Naturbeobachtungen, die sogar Rückschlüsse auf Verhalten und möglicherweise auf die dargestellte Vogelart zulassen.

Darstellung von Verhalten statt nur Gestalt

Im Gegensatz zu vielen anderen eiszeitlichen Tierfiguren, die meist in statischer Haltung dargestellt sind, vermitteln die beiden Neufunde konkrete Verhaltensweisen. Den rundlich zusammengeduckte Vogel mit eingezogenem Kopf und angelegten Beinen deuten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als vermutlich brütendes Tier. Die zweite Figur mit weit ausgebreiteten Flügeln und lang gestrecktem Hals könnte dagegen einen fliegenden Vogel, eine Landung auf dem Wasser, eine Drohhaltung oder sogar ein Balzverhalten zeigen.

Welche Vogelart tatsächlich dargestellt wurde, bleibt offen. Aufgrund häufiger Knochenfunde aus der Region ziehen die Forschenden Schneehühner in Betracht, schließen aber auch andere fasanenartige Arten wie Auerhühner oder sogar Greifvögel nicht aus.

Der Vogel mit ausgebreiteten Flügeln.
Copyright/Quelle: Ralf Ehmann / Universität Tübingen

Rätselhafte Bedeutung der Vögel

Mit einem Gewicht von lediglich 1,3 beziehungsweise 0,7 Gramm zählen die beiden Elfenbeinfiguren zu den leichtesten bekannten Kunstwerken aus der Eiszeit. Dennoch werfen sie zahlreiche wissenschaftliche Fragen auf.

Unklar bleibe insbesondere, welche Bedeutung Vögel für die Menschen vor 40.000 Jahren hatten. Denkbar wäre, dass die Figuren als persönliche Talismane dienten oder als Symbole einer bestimmten Gemeinschaft verstanden wurden.

Auffällig ist zudem, dass der Hohle Fels inzwischen bereits drei Vogeldarstellungen geliefert hat. Bereits vor rund 25 Jahren war dort eine Figur eines Wasservogels entdeckt worden. An den anderen UNESCO-Welterbefundstellen der Schwäbischen Alb fanden sich zwar zahlreiche Darstellungen von Mammuts, Höhlenlöwen, Wildpferden und anderen Tieren, bislang jedoch keine einzige Vogelfigur.

Für das Forschungsteam spricht dies dafür, dass einzelne Werkstätten oder Gemeinschaften unterschiedliche Motivwelten bevorzugten und damit jeder Fundort eine eigene künstlerische „Signatur“ entwickelte.

Ausstellung am Fundort

Die beiden neu entdeckten Vogelfiguren werden bis zum 4. April 2027 im Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst (urmu) in Blaubeuren präsentiert. Die Sonderausstellung „Federleicht und Forschungsschwer – Entdecke die Miniaturvögel der Eiszeitkunst“ zeigt die Originalfunde in unmittelbarer Nähe ihres Entdeckungsortes.

Die neuen Funde erweitern und ergänzen die weltberühmten Kunstwerke aus dem Hohle Fels. Zugleich unterstreichen sie erneut die außergewöhnliche Bedeutung der Höhlen der Schwäbischen Alb für das Verständnis der frühen Kunst und Kultur des modernen Menschen in Europa.

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Recherchequelle: Universität Tübingen

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