Entdeckung im äußeren Sonnensystem: Zwergplanet hat Atmosphäre, wo keine sein sollte

Geschrieben am 05.05.2026
von Andreas Müller

Mitaka (Japan) – Mit einem Durchmesser von gerade einmal 500 Kilometern sollte das Transneptunische Objekt „2002 XV93“ eigentlich deutlich zu klein sein, um eine Atmosphäre zu halten. Dennoch wurde nun eine solche Gashülle um den Zwergplaneten am Rande unseres Sonnensystems nachgewiesen.

Künstlerische Darstellung der Passage des transneptunischen Objekts „2002 XV93“ vor einem Hintergrundstern (Illu.).
Copyright/Quelle: NAOJ

Wie das Team um Ko Arimattsu vom National Astronomical Observatory of Japan (NAOJ) aktuell im Fachjournal „Nature Astronomy“ (DOI: 10.1038/s41550-026-02846-1) berichtet, ist das transneptunische Objekt (TNO) „2002 XV93“ viermal kleiner als Pluto. Nach gängigen Modellen sollte die Gravitation solcher Objekte nicht ausreichem, um Gase dauerhaft zu halten. Entsprechend gelten die meisten TNOs als praktisch atmosphärenlos. Dass nun ausgerechnet ein vergleichsweise kleines Objekt Anzeichen einer Gashülle zeigt, stellt diese Annahmen infrage.

Sternbedeckung liefert entscheidende Hinweise

Die Entdeckung basiert auf einer klassischen Methode der Astronomie: der Beobachtung einer Sternbedeckung. Am 10. Januar 2024 zog „2002 XV93“ – von Japan aus gesehen – vor einem Hintergrundstern vorbei. Dabei wurde das Licht des Sterns aus mehreren Beobachtungsstationen gleichzeitig verfolgt. Verschwindet ein Stern bei einer solchen Passage abrupt, deutet das auf ein festes, atmosphärenloses Objekt hin. Wird das Licht jedoch allmählich schwächer, spricht das für eine dünne Atmosphäre, die das Licht streut oder absorbiert.

Genau dieses graduelle Abdimmen wurde nun gemessen. Die Daten passen zu dem Szenario, dass das Sternlicht durch eine extrem dünne Gashülle abgeschwächt wurde. Damit liegt erstmals ein konsistenter Hinweis auf eine Atmosphäre bei einem so kleinen transneptunischen Objekt vor.

Kurzlebige Atmosphäre – und ein Rätsel

Die Analyse zeigt allerdings sofort das nächste Problem: Diese Atmosphäre dürfte extrem instabil sein. Berechnungen zufolge kann sie höchstens etwa 1.000 Jahre bestehen, bevor sie ins All entweicht. Das würde wiederum zwangsläufig bedeuten, dass die Atmosphäre entweder sehr jung sein muss oder kontinuierlich erneuert wird. Und genau hier beginnt ein weiteres und das eigentliche Rätsel: Beobachtungen mit dem James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) liefern keine Hinweise auf gefrorene Gase an der Oberfläche, die durch Erwärmung verdampfen könnten – ein Mechanismus, der etwa bei Pluto und dessen dünner Atmosphäre eine Rolle spielt. Damit fällt eine der naheliegendsten Erklärungen weg.

Zwei plausible Szenarien

Die Forscher diskutieren derzeit zwei Hauptmöglichkeiten:
Erstens könnte Material aus dem Inneren des Objekts an die Oberfläche gelangt sein. Dabei könnten eingeschlossene Gase freigesetzt worden sein, die vorübergehend eine Atmosphäre bilden. Ein solcher Prozess würde auf geologische Aktivität oder interne Umstrukturierungen hindeuten – etwas, das bei so kleinen Körpern bislang kaum erwartet wird.

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Zweitens kommt ein externer Auslöser infrage: der Einschlag eines Kometen. Ein solcher Impakt könnte genügend Energie freisetzen, um Gase freizusetzen und eine temporäre Atmosphäre zu erzeugen, die dann langsam wieder verschwinden würde. Beide Szenarien haben Schwächen – und beide lassen sich derzeit nicht eindeutig belegen.

Bedeutung für die Forschung

Der Fund ist vor allem deshalb brisant, weil er ein grundsätzliches Problem aufwirft: Entweder sind die bisherigen Modelle zur Atmosphärenbildung bei kleinen Himmelskörpern unvollständig – oder es gibt bislang unterschätzte Prozesse, die solche Atmosphären kurzfristig erzeugen können. Zugleich zeigt die Entdeckung, wie viel sich selbst im scheinbar gut erforschten Sonnensystem noch verbergen kann. Tausende transneptunische Objekte sind bekannt, doch ihre physikalischen Eigenschaften sind oft nur grob verstanden.

Weitere Beobachtungen sollen nun klären, wie dicht diese Atmosphäre tatsächlich ist, aus welchen Gasen sie besteht und ob sie sich verändert. Entscheidend wird sein, ob sich ähnliche Phänomene auch bei anderen TNOs nachweisen lassen.

Sollte sich der Befund bestätigen, hätte das weitreichende Konsequenzen: Dann wären – zumindest kurzlebige Atmosphären – im äußeren Sonnensystem möglicherweise kein Einzelfall, sondern ein bislang übersehenes, dynamisches Phänomen.

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Recherchequelle: NAOJ

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