Preston (Großbritannien) – Planeten mit zwei Sonnen am Firmament sind den meisten vermutlich am ehesten durch den fiktiven Wüstenplaneten Tatooine aus Star Wars bekannt. Tatsächlich scheinen Doppelsterne die Entstehung von Planeten begünstigen.
Copyright: Teasdale, Stamatellos, MNRAS 2026
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Lange galt unter Astronomen die Annahme, dass Doppelsternsysteme eher schlechte Orte für die Entstehung von Planeten seien. Zwei Sterne, die sich gegenseitig gravitativ beeinflussen, schienen als chaotisches Umfeld, in dem stabile Planetenbahnen nur schwer entstehen können. Welten wie Tatooine, mit seinen berühmten doppelten Sonnenuntergängen, galten deshalb eher als Science-Fiction denn als astrophysikalischer Normalfall.
Wie Dr. Matthew Teasdale und Dr. Dimitris Stamatellos von der University of Lancashire berichtet aktuell im Fachjournal „Monthly Notices of the Royal Astronomical Society“ (MNRAS, DOI: 10.1093/mnras/stag476), über die Ergebnisse neuer Simulationen, laut derer Planeten um Doppelsterne sogar leichter entstehen könnten als um Einzelsterne wie unsere Sonne. Besonders sogenannte zirkumbinäre Planeten – also Welten, die nicht nur einen der beiden, sondern beide Sterne eines Doppelsternsystems umkreisen – könnten demnach häufiger sein als bislang angenommen.
Verbotene Zone nahe der Sterne
Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher moderne Computersimulationen, um die Entwicklung von protoplanetaren Gas-Scheiben rund um junge Doppelsterne zu modellieren. Solche Scheiben aus Gas und Staub gelten als Geburtsorte neuer Planeten.
Die Simulationen zeigten dabei ein klares Muster: Im inneren Bereich der Scheibe existiert eine Art „verbotene Zone“. Dort sind die Gravitationskräfte der beiden Sterne so stark und instabil, dass sich keine Planeten bilden können. Das Umfeld ist schlicht zu turbulent.
Studienleiter Teasdale beschreibt diesen Bereich als zu „gewaltsam“ für jede stabile Planetenentstehung. Material wird dort ständig gestört, sodass sich keine dauerhaften planetaren Kerne aufbauen können. Doch weiter außen verändert sich die Situation grundlegend. Jenseits dieser instabilen Region wird die Gas-Scheibe deutlich ruhiger – und genau dort entstehen offenbar besonders günstige Bedingungen für neue Welten.
Riesige Gasplaneten entstehen besonders häufig
Außerhalb dieser verbotenen Zone kann die Scheibe unter ihrer eigenen Schwerkraft instabil werden und in einzelne dichte Bereiche zerfallen. Dieser Prozess wird als gravitative Fragmentierung bezeichnet. Statt dass sich Planeten langsam durch das Zusammenkleben kleiner Staubteilchen bilden, entstehen hier größere planetare Keime vergleichsweise schnell durch das direkte Zerbrechen massereicher Gas-Scheiben.
Die Untersuchungen zeigen, dass Scheiben um Doppelsterne auf diese Weise sogar mehr Planeten hervorbringen können als Scheiben um Einzelsterne. Besonders häufig entstehen dabei große Gasriesen – also Planeten, die sogar größer als Jupiter sein können. Ein Teil dieser jungen Planeten bleibt zudem dauerhaft im System, andere werden durch gravitative Wechselwirkungen wieder hinausgeschleudert. Solche Objekte könnten dann als frei durchs All treibende Planeten ohne Mutterstern durch den interstellaren Raum treiben.
Für Projektbetreuer Stamatellos ist das ein deutlicher Perspektivwechsel: Doppelsterne galten lange als feindliche Umgebung für Planeten. Tatsächlich könnten sie aber ausgesprochen produktive Planetenfabriken sein.
Echte Tatooines könnten viel häufiger sein
Die Ergebnisse liefern auch eine Erklärung für bereits bekannte Beobachtungen. Inzwischen wurden mehr als 50 zirkumbinäre Exoplaneten entdeckt, darunter mehrere auf weiten Umlaufbahnen. Ihre Existenz war für klassische Modelle der Planetenentstehung teilweise schwer zu erklären.
Die neue Studie zeigt nun, warum solche Systeme keineswegs exotische Ausnahmen sein müssen. Gerade auf größeren Distanzen von den Zentralsternen können sich stabile Planetenbahnen gut entwickeln – und die Bedingungen für große Gasriesen sind dort sogar besonders günstig. Das bedeutet auch: Planeten mit zwei Sonnen am Himmel könnten im Universum deutlich häufiger vorkommen als lange gedacht.
Während in unmittelbarer Sternnähe das Überleben schwierig bleibt, verwandeln sich die äußeren Bereiche solcher Systeme in dynamische Zonen intensiver Planetenbildung.
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Neue Chancen für Teleskope der nächsten Generation
Die Forscher sehen in ihren Ergebnissen auch wichtige Perspektiven für zukünftige Beobachtungen. Instrumente wie das Radioteleskop ALMA, das James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) und das kommende „Extremely Large Telescope“ (ELT) könnten helfen, diese Prozesse direkt zu beobachten.
Besonders interessant wäre es, frühe Gas-Scheiben um junge Doppelsterne genauer zu untersuchen und Hinweise auf gravitative Fragmentierung nachzuweisen. Das würde die theoretischen Modelle weiter stärken.
Die Studie deutet darauf hin, dass die Suche nach lebensfreundlichen oder zumindest planetenreichen Systemen nicht nur auf sonnenähnliche Einzelsterne beschränkt bleiben sollte.
Im Gegenteil: Ausgerechnet dort, wo zwei Sonnen gleichzeitig leuchten, könnten sich einige der spannendsten Planetensysteme unserer Galaxis verbergen. Tatooine wäre damit nicht die Ausnahme – sondern vielleicht fast schon ein kosmischer Normalfall.
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Recherchequelle: University of Central Lancashire
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