Artemis 2: Bigfoot fliegt als moralisches Symbol der Ehrlichkeit zum Mond

Geschrieben am 31.03.2026
von Andreas Müller

Ontario (Kanada) – Während der Bigfoot meist lediglich als moderner Mythos der Popkultur-Ära bekannt sein dürfte, ist der aufrechtgehende Waldmensch schon seit Jahrhunderten fester Bestandteil der indigenen Kulturen Nordamerikas – und reist in dieser Funktion mit der bevorstehenden Artemis-2-Mission morgen zum Mond.

Das von dem Anishinaabe-Künstler Henry Guimond persönliche Missionsabzeichen des kanadischen Artemis-II-Astronauten Jeremy Hansen.
Copyright: CSA

Die bemannte „Artemis 2“-Mission soll vier Astronauten in einem Orion-Raumschiff auf eine Mondumlaufbahn bringen, um hier neun Tage lang Systeme und Abläufe für spätere Mondlandungen zu testen. Mehrfach verschoben, wäre der nun für den 1. April 2026 anvisierte Missionsstart der erste bemannte Mondflug seit 1972.

Ein prägender Teil von Raumfahrtmissionen sind auch die jeweiligen Missionsabzeichen. Neben dem offiziellen Artemis-Abzeichen hat die kanadische Raumfahrtagentur CSA auch ein eigenes Abzeichen für ihren Astronauten Jeremy Hansen vorgestellt. Neben der ersten Frau und dem ersten dunkelhäutigen Astronauten wird dieser als erster Nicht-US-Amerikaner den erdnahen Orbit verlassen und mit Artemis-2 den Mond umrunden.

Das Abzeichen wurde von dem Künstler Henry Guimond entworfen, der den indigenen Anishinaabe angehört und integriert bewusst Weltbilder und Symbolik der nordamerikanischen Ureinwohner. Dabei stehe jedoch nicht die gesamte kulturelle Vielfalt indigener Gruppen im Fokus, sondern exemplarisch ausgewählte Elemente aus der Anishinaabe-Tradition. Die Anishinaabe sind eine kulturell und sprachlich verbundene Gruppe indigener Völker in der Region der Großen Seen in Kanada und den USA, zu der Ojibwe, Odawa, Potawatomi, Algonquin, Nipissing und Mississauga gehören.

Der Sasquatch als moralisches Symbol

Im Zentrum der Symbolik stehen sieben Tiere, die die sogenannten „Sieben heiligen Gesetze“ der Anishinaabe-Kultur repräsentieren sollen. Diese Werte beschreiben grundlegende ethische Prinzipien für ein gutes Leben. Neben bekannten Tieren wie Bär, Adler oder Wolf findet sich auch eine Figur, die außerhalb Nordamerikas meist unter dem modernen Namen „Bigfoot“ bekannt ist: der Sasquatch.

In diesem Kontext wird der Sasquatch jedoch nicht als unbekanntes rätselhaftes Wesen bzw. als sog. Kryptid verstanden, sondern als Träger eines klar definierten moralischen Wertes. Während der Bison für Respekt, der Adler für Liebe, der Bär für den Mut, der Biber für die Weisheit, der Wolf für Demut und die Schildkröte für die Wahrheit steht, repräsentiere der Sasquatch die Ehrlichkeit, so die CSA.

Damit wird deutlich, dass der Sasquatch hier nicht als mysteriöse Kreatur im populärkulturellen Sinne fungiert, sondern als fest verankerter Bestandteil eines spirituellen und ethischen Systems. Astronaut Hansen selbst betont, dass diese Werte Orientierung bieten – auch wenn Menschen sie nicht immer vollständig erfüllen können. Entscheidend sei das Streben danach.

Begegnungen mit indigenem Wissen

Die Integration des Sasquatch-Symbols ist kein Zufall. Hansen hat über viele Jahre hinweg enge Kontakte zu indigenen Gemeinschaften in Kanada aufgebaut. Dabei nahm er an traditionellen Zeremonien teil, sprach mit Ältesten und beschäftigte sich intensiv mit deren Wissenssystemen. Diese Erfahrungen führten laut kanadischer Raumfahrtbehörde zu einem tiefen Verständnis für indigene Perspektiven. Besonders prägend war unter anderem eine sogenannte „Vision Quest“ (Visionssuche), an der Hansen 2023 teilnahm.

Das Missionsabzeichen spiegelt somit nicht nur kulturelle Elemente wider, sondern auch persönliche Erfahrungen und Lernprozesse des Astronauten. Der Sasquatch steht in diesem Zusammenhang symbolisch für eine dieser übernommenen Lehren.

Tradition trifft Raumfahrt

Neben den Tier-Symbolen enthält das Abzeichen zahlreiche weitere Elemente, die moderne Raumfahrt mit mythologischen und kulturellen Motiven verbinden. So verweisen beispielsweise der Bogen auf die griechische Göttin Artemis, während die Flugbahn der Mission zum Mond als dessen Pfeil dargestellt wird, der vom nordamerikanischen Kontinent („Turtle Island“) zum Mond führt.

Auch astronmisch-kosmische Symbole wie der Große Wagen und der Polarstern sind integriert. Sie stehen teilweise für Hansens Familie, aber auch für die lange Tradition menschlicher Orientierung am Himmel – sowohl in wissenschaftlichen als auch in indigenen Kontexten. Die sieben-seitige Form des Abzeichens greift erneut die sieben beschriebenen ethischen Prinzipien auf. Eine stilisierte Umrandung verweist auf das Orion-Raumschiff, mit dem die Crew zum Mond fliegen wird.

Hintergrund: Bigfoot und Sasquatch in der indigenen Tradition
Während der Begriff „Bigfoot“ bei den meisten vermutlich Assoziationen mit einem „Mann im Affenkostüm“ oder Kino-Zotteln a la „Harry und die Hendersons“ oder Chewbacca aus Star Wars weckt, ist der „Waldmensch“ schon lange tief verwurzelt im spirituellen aber auch realen Weltbild indigener Ureinwohner Nordamerikas.

Der sog. Painted Rock der Yokuts in Kalifornien zeigt vermutlich Wesen, die heute als „Bigfoot“ bezeichnet werden würden.
Quelle: Garrick Mallery, Gemeinfrei

Hier ist das Wesen unter verschiedenen Namen bekannt, etwa als Sabe, Istiyehe oder Imoitapi. „Für einige idigene Stäme in der Pacific Northwest-Region Nordamerikas gilt der „Bigfoot“ sowohl als Geistwesen wie auch als reale Gestalt, die teilweise sogar als Verwandter gilt“, erläutert die Journalistin Bridget Stringer-Holden in einem Artikel über einen neuen Ansatz indigener Filmemacher im Umgang mit dem mythologischen Waldwesen. „Der Bigfoot steht für Ehrlichkeit durch die Sieben Heiligen Lehren, die auch als die Sieben Großvater-Lehren bekannt sind.“

Mit seinem Missionsabzeichen setzt Jeremy Hansen ein ungewöhnliches Zeichen. Der Sasquatch steht darin nicht für ein ungelöstes Rätsel, sondern für Ehrlichkeit – eingebettet in ein komplexes kulturelles und spirituelles System. Damit verbindet das Emblem traditionelle indigene Lehren mit einem der ambitioniertesten Raumfahrtprojekte der Gegenwart. Es macht deutlich, dass die Reise zum Mond nicht nur eine technische Herausforderung ist, sondern auch eine kulturelle – und dass selbst Figuren wie der Sasquatch in diesem Kontext eine eigene Bedeutung erhalten können.

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Recherchequelle: CSA

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