Studie: Gehirn speichert Erinnerungen offenbar nur in kurzen Zeitfenstern

Geschrieben am 18.03.2026
von Andreas Müller

Toronto (Kanada) – Warum bleiben uns manche Erlebnisse dauerhaft im Gedächtnis, während andere rasch vergessen werden? Eine neue Studie liefert Hinweise dafür, dass unser Gehirn Informationen nicht kontinuierlich speichert, sondern nur in kurzen, rhythmisch auftretenden Momenten. Demnach schwankt die Fähigkeit, neue Erinnerungen zu bilden, mehrmals pro Sekunde – im Takt bestimmter Hirnwellen.

Schaubild zu Objektklassifikation, Gedächtnistest und Gesamtleistung.
Copyright/Quelle: Biba et al. (Nature Human Behaviour, 2026).

Erinnern im Rhythmus des Gehirns

Seit fast einem Jahrhundert untersuchen Psychologie und Neurowissenschaften, warum sich manche Erfahrungen besonders gut einprägen. Verschiedene Theorien gehen davon aus, dass das Gehirn beim Umgang mit Erinnerungen zwischen zwei Prozessen wechselt: dem Speichern neuer Informationen (Encoding) und dem Abrufen bereits gespeicherter Inhalte (Retrieval).

Ein entsprechendes Modell, das sogenannte SPEAR-Modell (Separate Phases for Encoding and Retrieval), geht davon aus, dass diese beiden Prozesse zeitlich getrennt sind. Demnach schaltet das Gehirn sehr schnell zwischen Phasen des Lernens und des Erinnerns hin und her.

Diese Wechsel könnten mit sogenannten Theta-Rhythmen im Gehirn zusammenhängen. Dabei handelt es sich um Hirnwellen mit einer Frequenz von etwa drei bis zehn Hertz, die mehrfach pro Sekunde auftreten und als wichtig für Gedächtnisprozesse gelten. Das Modell sagt voraus, dass das Gehirn neue Informationen nur während bestimmter Phasen dieses Rhythmus besonders effektiv speichern kann.

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Gedächtnistest im Millisekundenbereich

Um diese Idee zu testen, führten Forschende um Thomas M. Biba von der University of Toronto mit 125 erwachsenen Probandinnen und Probanden ein Experiment durch. Die Teilnehmenden bekamen verschiedene Reize – etwa Bilder oder Objekte – zu exakt kontrollierten Zeitpunkten präsentiert. Anschließend sollten sie sich an diese Inhalte erinnern.

Durch die präzise zeitliche Steuerung konnten die Forschenden im Nachhinein analysieren, ob die Erinnerungsleistung der Teilnehmenden einem wiederkehrenden Muster folgte. Entscheidend war dabei die zeitliche Auflösung: Die Analyse betrachtete Veränderungen im Millisekundenbereich. Biba, Kolleginnen und Kollegen berichten über die Ergebnisse aktuell im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ (DOI: 10.1038/s41562-026-02416-5).

Die Ergebnisse zeigen tatsächlich ein rhythmisches Muster: Die Fähigkeit, sich an gezeigte Inhalte zu erinnern, schwankte mehrmals pro Sekunde. Dieses Muster entsprach genau der Frequenz der Theta-Rhythmen, wie sie auch im Gehirn gemessen werden.

Wichtig dabei: Die beobachteten Schwankungen ließen sich nicht einfach durch rhythmische Aufmerksamkeit erklären. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass sie mit grundlegenden Mechanismen der Gedächtnisbildung zusammenhängen.

Neurochemische Hinweise

Ein weiterer Befund der Studie betrifft den Neurotransmitter Acetylcholin. Dieser Botenstoff spielt eine wichtige Rolle bei Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis. Die Daten legen nahe, dass die beobachteten Gedächtnisrhythmen durch Prozesse beeinflusst werden könnten, die mit diesem Neurotransmitter zusammenhängen.

Die Ergebnisse stützen damit die zentrale Annahme des SPEAR-Modells: Das Gehirn scheint zwischen Phasen zu wechseln, in denen es bevorzugt neue Informationen aufnimmt, und solchen, in denen es eher bereits gespeicherte Inhalte verarbeitet.

Für die Forschung bedeutet das: Ob eine Erfahrung langfristig im Gedächtnis bleibt, könnte teilweise davon abhängen, ob sie genau in einem günstigen Moment dieses neuronalen Rhythmus stattfindet. Da diese Zeitfenster nur Bruchteile von Sekunden dauern, entgehen sie unserem bewussten Erleben.

Künftige Studien könnten diese Hypothese weiter überprüfen – etwa indem sie ähnliche Experimente mit gleichzeitigen Messungen der Gehirnaktivität durchführen.

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Recherchequelle: Nature Human Behaviour, University of Toronto

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