Evanston (USA) – Schwindel und Fälschung begleiten von jeher Forschung und Wissenschaft. Doch nicht nur anomalistische Randgebiete der Wissenschaft sind davon betroffen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz organisierte Netzwerke gezielt gefälschte Forschungsergebnisse verbreiten.
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Wie das Team um Reese A. K. Richardson und Luís A. Nunes Amaral von der Northwestern University aktuell im Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS, DOI: 10.1073/pnas.2420092122) als Ergebnis seiner Untersuchungen berichtet, breite sich nicht nur persönliche Fälschung sondern gerade auch koordinierter wissenschaftlicher Betrug offenbar sogar schneller aus als echte Forschung. Laut der Studie manipulieren organisierte Netzwerke zunehmend den akademischen Publikationsprozess – von gefälschten Daten über gekaufte Autorenschaften bis hin zu bezahlten Zitaten.
In ihrem Fachartikel warnen die Autorinnen und Autoren, dass das Problem zudem weit größer sei als bislang angenommen. Während wissenschaftliches Fehlverhalten oft als Einzelfall dargestellt wird – etwa wenn Forschende Daten manipulieren oder Plagiate veröffentlichen – zeigten die Analysen ein weit verzweigtes System koordinierter Aktivitäten.
Als Konsequenz müsse sich „die Wissenschaft selbst besser kontrollieren, um ihre Integrität zu bewahren“, betont Studienleiter Amaral. Wenn die wissenschaftliche Gemeinschaft das Problem nicht ernst nehme, könne sich betrügerisches Verhalten zunehmend normalisieren und langfristig das Vertrauen in wissenschaftliche Literatur untergraben.
Weltweite Netzwerke hinter wissenschaftlichem Betrug
Um das Ausmaß des Problems zu verstehen, analysierten die Forschenden große Datensätze wissenschaftlicher Publikationen. Dazu gehörten unter anderem zurückgezogene Studien, redaktionelle Informationen, Bildduplikate sowie Metadaten zu Einreichungs- und Veröffentlichungsprozessen.
Die Daten stammten aus mehreren großen wissenschaftlichen Datenbanken, darunter Web of Science, Scopus und PubMed. Ergänzt wurden sie durch Informationen aus Plattformen wie Retraction Watch und PubPeer, auf denen Forschende problematische Studien diskutieren.
Die Analyse brachte ein weitgehend verborgenes Netzwerk ans Licht. Dabei arbeiten verschiedene Akteure zusammen, um systematisch Schwachstellen im Publikationssystem auszunutzen. Laut Amaral handelt es sich im Kern um Strukturen, die eher an kriminelle Organisationen erinnern als an vereinzelte Regelverstöße einzelner Wissenschaftler. In diesen Systemen gehe es um Millionenbeträge.
„Paper Mills“ und der Markt für Fake-Forschung
Eine zentrale Rolle spielen sogenannte „Paper Mills“. Dabei handelt es sich um Organisationen, die wissenschaftliche Manuskripte quasi industriell produzieren und an Forschende verkaufen, die ihre Publikationsliste schnell erweitern möchten.
Solche Arbeiten enthalten laut der Studie häufig manipulierte oder komplett erfundene Daten, kopierte Texte sowie gestohlene oder bearbeitete Abbildungen. Teilweise werden sogar wissenschaftlich unmögliche Ergebnisse präsentiert.
Neben kompletten Artikeln können auch einzelne Autorenschaften gekauft werden. Je nach Position auf der Autorenliste variieren die Preise – erste Autorenplätze sind dabei besonders teuer. Auch Zitate lassen sich erwerben, um den wissenschaftlichen Einfluss eines Forschers künstlich zu steigern.
Richardson erklärt, dass Paper Mills praktisch alles anbieten, was den wissenschaftlichen Ruf einer Person verbessern kann. In manchen Fällen würden sogar Scheingutachten organisiert, sodass ein Artikel ohne echte Begutachtung akzeptiert wird. Um solche Aktivitäten aufzudecken, entwickelten Amaral und seine Kollegen zusätzlich ein automatisiertes System, das wissenschaftliche Artikel auf ungewöhnliche Muster untersucht – etwa auf falsche Angaben zu verwendeten Messinstrumenten.
Makler, gekaperte Journale und manipulierte Publikationswege
Neben den Paper Mills identifizierten die Forschenden weitere zentrale Akteure: sogenannte „Broker“. Diese fungieren als Vermittler zwischen Autoren, Paper Mills und kompromittierten Fachzeitschriften.
Laut Studie organisieren solche Mittelsmänner den gesamten Prozess: vom Schreiben eines Artikels über die Suche nach zahlenden Autoren bis hin zur Platzierung der Arbeit in einer passenden Zeitschrift. Dafür müssen auch Redakteure oder Herausgeber eingebunden sein, die bereit sind, fragwürdige Manuskripte anzunehmen.
In einigen Fällen umgehen die Netzwerke etablierte Journale komplett. Stattdessen übernehmen sie aufgegebene oder nicht mehr aktiv betriebene Zeitschriften. Wird deren Internetdomain frei, können Betrüger sie kaufen und das Journal unter gleichem Namen weiterführen – allerdings mit massenhaft veröffentlichten Fake-Studien.
Ein dokumentierter Fall betrifft das ehemalige Fachjournal „HIV Nursing“. Nachdem dessen ursprünglicher Betreiber die Publikation eingestellt hatte, wurde die Domain übernommen und später für tausende Artikel zu völlig anderen Themen genutzt.
Wissenschaft vor neuen Herausforderungen
Die Autoren der Studie fordern deshalb umfassende Gegenmaßnahmen. Dazu gehören strengere Kontrollen redaktioneller Prozesse, bessere Methoden zur Erkennung gefälschter Studien sowie ein grundlegendes Verständnis der Netzwerke hinter wissenschaftlichem Betrug.
Besondere Sorge bereitet den Forschenden zudem die rasante Entwicklung generativer KI-Systeme. Sollten bereits jetzt große Mengen gefälschter Forschung in der Literatur vorhanden sein, könnten diese künftig von KI-Modellen verarbeitet und weiterverbreitet werden.
Trotz der ernüchternden Ergebnisse sehen die Wissenschaftler ihre Arbeit als notwendigen Schritt. Wer an den Wert der Wissenschaft glaube, müsse auch bereit sein, gegen Betrug und Manipulation vorzugehen, so Amaral.
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Recherchequelle: Northwestern University
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