Moffet Field (USA) – Wie lassen sich Spuren von Leben auf fernen Exoplaneten zuverlässig erkennen und von rein geologischen oder chemischen Effekten unterscheiden? Mit dieser zentralen Frage befasst sich ein neues Positionspapier zu den wissenschaftlichen und technischen Anforderungen des geplanten Weltraumteleskops „Habitable Worlds Observatory“ (HWO).
Quelle: Parenteau et al., arXiv (2026). DOI: 10.48550/arxiv.2601.08883
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Wie das Team der Living Worlds Working Group um Niki Parenteau vom Ames Research Center der NASA vorab via ArXiv.org berichtet, liefert die Studie detaillierte Vorgaben dafür, welche Fähigkeiten ein künftiges Großteleskop besitzen muss, um die im aktuellen US-Dekadenbericht formulierten Ziele tatsächlich zu erreichen.
Koronograph blendet Sternenlicht aus
Das HWO gilt als eines der ambitioniertesten Projekte der kommenden Jahrzehnte in der Exoplanetenforschung. Anders als das James-Webb-Weltraumteleskop (JWST), das Exoplaneten meist indirekt über Transitbeobachtungen untersucht, soll HWO, dessen Start in den 2040ern geplant ist, Planeten direkt abbilden. Möglich wird dies durch den Einsatz eines sogenannten Koronagraphen, der das blendende Licht des Zentralsterns ausblendet. Voraussetzung dafür sind jedoch extrem hohe Signal-Rausch-Verhältnisse sowie eine außergewöhnlich breite spektrale Abdeckung – vom sichtbaren Licht bis weit in den Infrarotbereich.
Der Grund: Die Forscher wollen nicht nur Atmosphären analysieren, sondern auch Oberflächenstrukturen und potenzielle Biosignaturen erfassen. Klassisch gilt dabei der sogenannte Vegetation Red Edge als Schlüsselindikator: Pflanzen absorbieren rotes Licht und reflektieren stark im nahen Infrarot, was in der Spektroskopie eine markante Kante bei etwa 700 Nanometern erzeugt. Diese Signatur lässt sich jedoch nur dann eindeutig identifizieren, wenn ein Instrument sowohl im sichtbaren als auch im infraroten Bereich hochauflösend messen kann.
Pinkfarbene Kontinente und grüne Ozeane
Die Arbeitsgruppe weist aktuell jedoch darauf hin, dass sich das Leben auf der Erde nicht immer in der heute bekannten „grünen“ Form manifestierte. In der Frühgeschichte dominierten möglicherweise sogenannte purpurne anoxygene Phototrophe, die Bakteriochlorophyll oder Retinal-Pigmente nutzten. Diese Organismen absorbierten grünes Licht und reflektierten rotes und blaues Licht. Aus der Ferne betrachtet, hätten sie eine violette oder purpurne Planetenoberfläche erzeugt. Moderne Vertreter dieser Linie, etwa Halobakterien, färben bis heute Salzseen pink bis violett. Da diese Organismen Licht weit ins Infrarot hinein nutzen, würden ihre Spuren bei einer rein sichtbaren Beobachtung vollständig übersehen.
Quelle: NASA
Ein weiteres Szenario ist die Hypothese der „grünen Ozeane“. Demnach könnten die Meere der frühen Erde vor etwa 4 bis 2,5 Milliarden Jahren durch große Mengen gelösten Eisens grünlich gefärbt gewesen sein. Cyanobakterien entwickelten in dieser Umgebung spezielle Pigmente, um das reflektierte grüne Licht effizient zu nutzen. Spektral wäre ein solcher Planet schwer von einer Welt mit ausgedehnter Vegetation zu unterscheiden – aus astrobiologischer Sicht jedoch ebenfalls ein starkes Lebenssignal.
Genau hier liegt das Problem: Auch abiotische Prozesse können ähnliche spektrale Merkmale erzeugen. Eisenoxide zeigen etwa eine sogenannte „rote Steigung“, die bei geringer spektraler Auflösung mit dem Vegetation Red Edge verwechselt werden kann. Ebenso weist Zinnober (Quecksilbersulfid) eine scharfe spektrale Kante bei rund 600 Nanometern auf, während elementarer Schwefel eine weitere Kante zwischen 450 und 500 Nanometern besitzt. Mit unzureichender Auflösung könnten solche Minerale fälschlich als biologische Signaturen interpretiert werden.
Was nötig ist
Die Kernaussage des aktuellen Arbeitspapiers ist daher eindeutig: Um belebte Welten von unbelebten zu unterscheiden, benötigt das HWO maximale spektrale Auflösung über einen möglichst großen Wellenlängenbereich. Nur so lassen sich „grüne Ozeane“, „violette Erden“, bewaldete Kontinente oder mineralische Fehlalarme sauber voneinander trennen.
Ob diese ambitionierten Anforderungen angesichts knapper Budgets tatsächlich umgesetzt werden, ist offen. Angesichts der jüngsten Kürzungen bei großen NASA-Programmen stehen die Chancen nicht ideal. Die Autoren machen jedoch deutlich: Ohne diese Fähigkeiten droht dem HWO genau das, was es eigentlich vermeiden soll – falsche Positive und verpasste Entdeckungen bei der Suche nach außerirdischem Leben.
WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
Ist Violett das neue Grün? Lilafarbene Planetenoberflächen könnten auf Leben deuten 18. April 2024
Quelle: ArXiv.org
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