67.800 Jahre: Älteste bekannte Höhlenkunst der Welt entdeckt

Geschrieben am 26.01.2026
von Andreas Müller

Brisbane (Australien) – Ein unscheinbarer Handabdruck in einer indonesischen Kalksteinhöhle könnte unser Bild der frühen Menschheitsgeschichte grundlegend verändern: Auf der Insel Sulawesi haben Archäologen eine Handdarstellung entdeckt und auf ein Alter von rund 67.800 Jahren datiert. Damit handelt es sich um die bislang älteste sicher datierte Felskunst der Welt, die zudem neue Hinweise zur frühen Besiedlung Australiens liefert.

Auf den ersten Blick kaum sichtbar, überdecken jüngere und deutlichere Felsbilder die darunterliegenden Handschablonen.
Copyright/Quelle: Aubert et al. / Nature 2026 (DOI: 10.1038/s41586-025-09968-y)

Wie das Team um den Archäologen und Geochemiker Prof. Maxime Aubert, Archäologe und Geochemiker von der Griffith University aktuell im Fachjournal „Nature“ (DOI: 10.1038/s41586-025-09968-y) berichtet, ist das Fragment einer Handschablone mit seinen mindestens 67.800 Jahren deutlich älter als alle bisher bekannten Beispiele prähistorischer Kunst.

Ein außergewöhnlicher Fund in einer unscheinbaren Höhle

Die uralte Darstellung stammt aus der Höhle Liang Metanduno auf der kleinen Insel Muna im Südosten Sulawesis. Dort fanden die Forschenden eine fragmentarische Handschablone, die von deutlich jüngeren Höhlenmalereien umgeben war. Mithilfe moderner Uran-Thorium-Datierungen analysierte das Team mikroskopisch kleine Mineralablagerungen, die sich über und unter den Farbresten gebildet hatten. Auf diese Weise ließ sich das Mindestalter der Darstellung zuverlässig bestimmen.

Das Ergebnis: Die Handschablone ist mindestens 67.800 Jahre alt und übertrifft damit den bisherigen Altersrekord – ebenfalls aus Sulawesi (…GreWi berichtete) – um mehr als 15.000 Jahre! Gleichzeitig zeigte sich, dass die Höhle über einen außergewöhnlich langen Zeitraum genutzt wurde: Über mindestens 35.000 Jahre hinweg entstanden dort immer wieder neue Malereien. Zuletzt vor etwa 20.000 Jahren. Aubert selbst spricht von einem Wendepunkt: „Sulawesi ist demnach eines der ältesten und langlebigsten Zentren künstlerischer Ausdrucksformen der Menschheit.“

Eine Hand mit rätselhaftem Symbolgehalt

Besonders auffällig ist die Form der entdeckten Handschablone. Anders als bei bekannten Negativabdrücken wurden die Finger nachträglich absichtlich verschmälert, sodass der Eindruck einer krallenartigen Hand entsteht. Eine solche Bearbeitung sei weltweit einzigartig, so die Forschenden.

Über die Bedeutung dieses Motivs kann bislang nur spekuliert werden. Professor Adam Brumm vom Australian Research Center for Human Evolution sieht mögliche Parallelen zu anderen frühen Darstellungen auf Sulawesi, die Mischwesen aus Mensch und Tier zeigen. Die modifizierte Hand könnte demnach symbolisch für eine enge Verbindung zwischen Menschen und Tieren stehen – ein Motiv, das möglicherweise tief in den spirituellen Vorstellungen früher Populationen verwurzelt war.

Schlüsselrolle für die Besiedlung Australiens

Die Bedeutung der Entdeckung reiche zudem weit über die Kunstgeschichte hinaus. Seit Jahrzehnten diskutieren Forschende darüber, wann und auf welchem Weg der moderne Mensch erstmals den prähistorischen Kontinent Sahul erreichte – die damals zusammenhängende Landmasse aus Australien, Tasmanien und Neuguinea.

Während das sogenannte Kurzchronologie-Modell von einer Besiedlung vor etwa 50.000 Jahren ausgeht, postuliert das Langchronologie-Modell eine Ankunft vor mindestens 65.000 Jahren. Die neue Datierung aus Sulawesi stützt klar die zweite Annahme.

Der Eingang zur Höhle auf Muna, Sulawesi.
Copyright: Ratno Sardi

Nach Einschätzung der Forschenden gehörten die Schöpfer der Höhlenkunst sehr wahrscheinlich zu jenen Populationen, aus denen später die Vorfahren der heutigen indigenen Australier hervorgingen. Sulawesi gilt dabei als zentraler Knotenpunkt einer nördlichen Migrationsroute, die von Südostasien über Inselketten bis nach Sahul führte.

Professor Renaud Joannes-Boyau von der Southern Cross University betont, dass es sich um den bislang ältesten direkten Beleg für moderne Menschen entlang dieses nördlichen Wanderkorridors handelt.

Weitere Funde erwartet

Die Forschenden gehen davon aus, dass viele weitere indonesische Inseln bislang unentdeckte Zeugnisse früher menschlicher Kultur bergen. Sulawesi sei vermutlich kein Einzelfall, sondern Teil eines weit verzweigten kulturellen Netzwerks der frühen Menschheit.

Die laufenden Arbeiten entlang der vermuteten Migrationsrouten werden fortgesetzt. Parallel dazu macht eine ARTE-Dokumentation mit dem Titel „Sulawesi – die Insel der ersten Bilder“ die spektakulären Funde einem breiteren Publikum zugänglich.

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Quelle: Griffith University

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