Turin (Italien) – Das sogenannte Grabtuch von Turin ist zweifelsohne eine der umstrittensten christlichen Reliquien. Für Skeptiker nicht mehr als eine clevere Fälschung des Mittelalters, für Gläubige nicht weniger als ein übernatürliches Körperabbild des Gekreuzigten und zu Grabe gelegten Jesus von Nazareth. Jetzt wird das Leinen erstmals umfangreich digital präsentiert.
Copyright: www.avvolti.org
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Wie die katholische Nachrichtenagentur CNA berichtete, geht das Projekt „Avvolti“, zu deutsch „Eingehüllt“, auf eine direkte Initiative der Erzdiözese Turin zurück und wurde am 9. Januar 2026 Papst Leo XIV. im Apostolischen Palast vorgestellt. Als erster Besucher des Webportals erlebte das Kirchenoberhaupt die neue digitale Darstellung der Reliquie, die seit Jahrhunderten im Zentrum theologischer, historischer und naturwissenschaftlicher Debatten steht.
Digitale Ausstellung des Turiner Grabtuchs
Vorgestellt wurde das Projekt von Kardinal Roberto Repole, Erzbischof von Turin und päpstlicher Kustos des Grabtuchs. Das Projekt versteht sich als „pastorale und zugleich wissenschaftsnahe Plattform, die Gläubigen wie auch Suchenden einen niedrigschwelligen Zugang zum Grabtuch ermöglichen soll“.
Über die neue Website www.avvolti.org können Nutzer (in den Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch) die Oberfläche des Leinens Schritt für Schritt erkunden, Details vergrößern und sich durch erläuternde Texte sowie biblische Bezüge führen lassen.
Im Zentrum des Projekts steht eine hochauflösende digitale Reproduktion, die es Nutzerinnen und Nutzern erlaubt, markante Strukturen wie das Antlitz, die Spuren der Dornenkrone, Blutflüsse oder die Geißelungsmerkmale zu untersuchen. Ergänzt wird die Darstellung durch Verweise auf Evangelien-Stellen, die das Leiden und den Tod Jesu beschreiben. Nach Angaben der Projektverantwortlichen soll so eine Brücke zwischen Glaube, Geschichte und moderner Technik geschlagen werden.
Immerwährende Kontroverse um die Echtheit des Leinens
Über die pastorale Dimension hinaus ist „Avvolti“ auch vor dem Hintergrund der anhaltenden wissenschaftlichen Kontroverse um die Echtheit des Grabtuchs von besonderem Interesse. Seit Jahrzehnten streiten Forscher darüber, ob es sich um das Leichentuch Jesu Christi oder um eine mittelalterliche Fälschung handelt. Lange galt die Radiokarbondatierung aus dem Jahr 1988 als zentrales Argument gegen eine Authentizität: Drei Labore datierten das Leinen damals in die Zeit zwischen 1260 und 1390 n. Chr.
In den vergangenen Jahren geriet dieses Ergebnis jedoch zunehmend unter Druck. Wissenschaftler des italienischen Nationalen Forschungsrats (CNR) veröffentlichten 2022 eine Studie, in der acht Proben des Grabtuchs mit moderner Röntgentechnik untersucht wurden. Anhand von Alterungsparametern wie Temperatur- und Feuchtigkeitsgeschichte ermittelten sie ein Alter von rund 2000 Jahren – zeitlich vereinbar mit dem Tod Jesu.
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Laut Studienleiter Liberato De Caro seien die gemessenen Datenprofile vollständig kompatibel mit einer Leinenprobe aus Masada in Israel, deren Datierung historisch auf die Jahre 55 bis 74 n. Chr. festgelegt ist. Die Forscher argumentieren, dass biologische Verunreinigungen, Schimmel, Bakterien sowie mineralische Ablagerungen die Radiokarbonmessung der 1980er Jahre verfälscht haben könnten. Die eingesetzte Röntgenmethode sei hingegen zerstörungsfrei und reproduzierbar, wodurch unabhängige Überprüfungen möglich würden (…GreWi berichtete).
Quelle: www.avvolti.org
Zusätzliche Hinweise auf eine Herkunft aus dem Nahen Osten liefern unter anderem Pollenanalysen, die Pflanzenarten nachweisen, die typisch für die Region um Jerusalem sind. Auch die Bildentstehung auf dem Grabtuch selbst gibt Forschern bis heute Rätsel auf: Das negative, dreidimensionale Abbild eines gekreuzigten Mannes lässt sich weder mit bekannten Maltechniken noch mit einfachen chemischen Prozessen schlüssig erklären.
Mit „Avvolti.org“ will die Erzdiözese Turin diese komplexe Gemengelage aus Glaube, Forschung und Kontroverse nun transparent zugänglich machen. Das Projekt ist zudem nicht nur als kurzfristige Initiative angelegt, sondern als langfristiger Weg hin zum Heiligen Jahr 2033, das mit dem zweitausendjährigen Jubiläum der Erlösung verbunden ist. Begleitend werden Inhalte über soziale Netzwerke verbreitet, um insbesondere jüngere Zielgruppen zu erreichen.
GreWi-Dossier: Das Grabtuch von Turin
* Historiker finden älteste Kritik an der Echtheit des Turiner Grabtuchs 29. August 2025
* Studie untersucht Blut, Körperflüssigkeiten und Folterspuren auf dem Grabtuch von Turin 26. August 2024
* Neue Analyse datiert das Turiner Grabtuch ins erste Jahrhundert 27. April 2022
* Neudatierung notwendig: Neue Analyse der Daten der Untersuchung des Turiner Grabtuchs von 1988 offenbart grundlegende Fehler 26. Juli 2019
* 40 Jahre Untersuchung des Grabtuchs von Turin: Alle Studien jetzt online 9. Oktober 2018
* Doch kein Folterblut? Wissenschaftsjournal zieht Fachartikel zu Turiner Grabtuch zurück 27. Juli 2018
* Kommentar: Turiner-Grabtuch-Experte kritisiert „neue“ Studie zu Blutspuren 21. Juli 2018
* Italienische Wissenschaftler rekonstruieren 3D-Körpermodell zum Turiner Grabtuch 5. April 2018
* Nanopartikel belegen Blut eines Folteropfers auf dem Grabtuch von Turin 18. Juli 2017
* DNA-Analyse des Turiner Grabtuches gibt Hinweise auf dessen mögliche Herkunft und Alter 7. Oktober 2015
* Sah so Jesus als Kind aus? Italienische Polizei rekonstruiert das Kindergesicht des Mannes auf dem Turiner Grabtuch 6. Mai 2015
* Studie: Experimente bestätigen Y-Haltung des Gekreuzigten auf dem Turiner Grabtuch 9. April 2014
* Wissenschaftler spekulieren: Verursachte ein Erdbeben anno 33 n.Chr. das Abbild auf dem Turiner Grabtuch und führte zu einer C-14-Falschdatierung 1988? 12. Februar 2014
* Neue Analyse datiert das Turiner Grabtuch doch ins erste Jahrhundert 27. März 2013
* Studie: „Körperbild auf dem Turiner Grabtuch ist nicht erklärbar“19. Dezember 2011
* Kunsthistoriker: „Turiner Grabtuch ist eine Kopie Giottos aus der frühen Renaissance“ 9. Juni 2011
* Italienischer Historiker: Hitler wollte Turiner Grabtuch rauben 7. April 2010
* 3D-Experten rekonstruieren Gesicht des Turiner Grabtuchs 29. März 2010
* Stammen das Bluttuch von Oviedo und Turiner Grabtuch von demselben Körper? 22. März 2010
* Leinenfund in Jerusalem: Experten üben Kritik an Vergleich mit Turiner Grabtuch 29. Dezember 2009
* Historikerin will Schriftzeichen auf Turiner Grabtuch entziffert haben – Handelt es sich um die Bestattungsurkunde Christi? 23. November 2009
* Grabtuch-Reproduktion: Experte übt Fachkritik 12. Oktober 2009
* Italienischer Wissenschaftler reproduziert Turiner Grabtuch 6. Oktober 2009
* Aramäische Schriftzeichen auf Turiner Grabtuch entdeckt 23. Juli 2009
* Historikerin: Tempelritter verehrten Turiner Grabtuch 7. April 2009
* Oxford Universität will Turiner Grabtuch erneut untersuchen 21. August 2009
* Neue Indizien für Turiner Grabtuchforschung durch Tuchfund in der judäischen Wüste? 1. Juni 2008
* Neue Scans: Turiner Grabtuch in höchster Auflösung 23. März 2008
* Oxford-Professor: Radiokarbondatierung des Turiner Grabtuches möglicherweise falsch, 26. Februar 2008
Quelle: Avvolti.org, CNA, eigene Recherche www.grenzwissenschaft-aktuell.de
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