Berkeley (USA) – Über zwei Jahrzehnte lang beteiligten sich Millionen Menschen weltweit an einem der bekanntesten Citizen-Science-Projekte der Wissenschaftsgeschichte: SETI@home. Zwischen 1999 und 2020 stellten Freiwillige ihre privaten Computer zur Verfügung, um Radiodaten aus dem All nach möglichen Hinweisen auf außerirdische Intelligenz zu durchsuchen. Nun liegt die abschließende wissenschaftliche Auswertung vor.
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Wie das Team um Eric Korpela von der University of California in Berkeley im „Astronomical Journal“ (DOI: 10.3847/1538-3881/ade5a7) berichten, erscheine das Resultat der Auswertung der dabei gewonnenen Daten zzunächst war ein ernüchterndes, zugleich aber auch ein aufschlussreiches Ergebnis.
Das einst von Wissenschaftlern in Berkeley initiierte Projekt analysierte Daten des inzwischen zerstörten Arecibo-Radioteleskops in Puerto Rico. Insgesamt wurden rund 12 Milliarden auffällige Radiosignale registriert – kurze Energieimpulse bestimmter Frequenzen aus klar definierten Himmelsrichtungen. Nach jahrelanger Nachbearbeitung, Filterung und statistischer Auswertung blieben davon zunächst etwa eine Million Kandidatensignale übrig, die schließlich auf rund 100 besonders interessante Fälle reduziert wurden.
Von 12 Milliarden runter auf 100
Diese 100 Signale gelten als die vielversprechendsten Überbleibsel der gesamten SETI@home-Suche. Seit Mitte 2025 werden sie gezielt mit dem chinesischen FAST-Radioteleskop beobachtet, dessen Sammelfläche die des Arecibo-Teleskops um ein Vielfaches übertrifft. Ziel ist es, die Signale erneut zu detektieren – ein entscheidendes Kriterium, um natürliche oder technische Störquellen auszuschließen. Eine endgültige Auswertung dieser FAST-Daten steht bislang jedoch noch aus.
Trotzdem dämpfen die Projektverantwortlichen die Erwartungen. Projektmitbegründer David Anderson rechnet nicht ernsthaft damit, dass sich unter den verbliebenen Signalen ein eindeutiger Hinweis auf außerirdische Zivilisationen befindet. Der eigentliche Wert von SETI@home liege vielmehr in den methodischen Erkenntnissen: Das Projekt habe neue Empfindlichkeitsgrenzen definiert und gezeigt, welche Signalstärken mit vorhandener Technik sicher nachweisbar sind – und wo systematische Schwächen bestehen.
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Ein zentrales Problem aller SETI-Suchen wurde dabei erneut deutlich: die Unterscheidung zwischen potenziellen außerirdischen Signalen und irdischen Störquellen. Funkfrequenzinterferenzen entstehen nicht nur durch Satelliten, sondern auch durch terrestrische Technik wie Funk- und Fernsehsender oder sogar Haushaltsgeräte. Um diese Effekte besser zu verstehen, speiste das SETI@home-Team bewusst rund 3.000 künstliche Testsignale (sog. „Birdies“) in die Datenanalyse ein. Anhand dieser kontrollierten Signale ließ sich bestimmen, welche Arten realer Signale mit hoher Wahrscheinlichkeit aussortiert werden – und ob dabei möglicherweise relevante Kandidaten verloren gehen.
Nach Einschätzung des Astronomen Eric Korpela, langjähriger Projektleiter von SETI@home, liegt hierin eine der wichtigsten Lehren: Niemand wisse mit letzter Sicherheit, ob aktuelle Suchalgorithmen nicht auch echte technologische Signaturen übersehen. Die Gefahr, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“, sei real – und betreffe nahezu alle laufenden SETI-Programme.
SETI@home ging von der Annahme aus, dass eine fortgeschrittene Zivilisation ein starkes, schmalbandiges Radiosignal aussenden würde, um Aufmerksamkeit zu erregen – idealerweise bei Frequenzen, die Astronomen ohnehin überwachen, etwa bei der 21-Zentimeter-Linie des Wasserstoffs. Ein solches Signal wäre vergleichsweise leicht zu entdecken und würde sofort weltweite Folgebeobachtungen auslösen. Dass ein derartiges Signal bislang ausgeblieben ist, gilt als eine der zentralen Enttäuschungen des Projekts.
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Dennoch bewerten die Beteiligten SETI@home insgesamt als großen Erfolg. Statt der ursprünglich kalkulierten 50.000 Freiwilligen beteiligten sich zeitweise über eine Million Menschen weltweit. Möglich wurde dadurch eine Rechenleistung, die klassische Forschungseinrichtungen allein nicht hätten aufbringen können. Insbesondere die aufwendige Suche nach Doppler-Verschiebungen – verursacht durch die Bewegung von Erde und Signalquelle – erforderte einen enormen Rechenaufwand, der nur durch verteiltes Rechnen realisierbar war.
Auch zukünftig Potenzial und Risiken
Auch für zukünftige Projekte sehen die Forscher Potenzial. Moderne Rechner, schnellere Internetverbindungen und neue Radioteleskope wie FAST könnten Bürgerforschung erneut attraktiv machen. Plattformen wie BOINC, ebenfalls von Anderson entwickelt, werden bereits für andere wissenschaftliche Großprojekte genutzt. Der größte limitierende Faktor sei weniger die Technik als vielmehr die Finanzierung von Fachpersonal.
Ob sich in den alten SETI@home-Daten doch noch ein übersehenes Signal verbirgt, bleibt offen. Korpela schließt diese Möglichkeit nicht aus. Sicher ist jedoch: SETI@home hat Maßstäbe gesetzt – noch nicht als Beweis für außerirdisches Leben, sondern als Experiment darüber, wie weit die Menschheit bereits in der Lage ist, systematisch nach ihm zu suchen.
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Quelle: University of California, Berkeley
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